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"Wir verstehen uns im Klang"

"Wir verstehen uns im Klang" - Die Ansverus-Communität. Eine Momentaufnahme.
Interview mit Altpriorin Ingeborg Reese und Altprior Karl Heinrich Ehrenforth.
Die Fragen stellte Pastorin Anja Neu-Illg (ANI) am 3.11.2011.

Wir treffen uns zum Gespräch nach der wöchentlichen Eucharistiefeier der Communität und nach dem gemeinsamen Frühstück im Klubraum. Eine Kerze wurde für uns angezündet. An diesem Tisch, groß und rund, haben die beiden schon ganz oft gesessen und über die Geschicke der Communität und des Ansverus-Hauses beraten. Ingeborg Reese (IR), Jahrgang 1936, ist seit 1992 Mitglied der Communität, bald darauf Ratsmitglied und Subpriorin. Sie war von 1998 bis 2004 Priorin der Communität. Karl Heinrich Ehrenforth (KHE), Jahrgang 1929, war dreimal Prior der Communität und gehört zu ihren Gründern.

ANI: Was ist eigentlich eine Communität?

IR: Der Begriff kommt vom lateinischen Wort communis und bedeutet 'gemeinsam, gemeinschaftlich'. Eigentlich hatten wir bei dem Wort mehr das englische 'community' und das französische 'communauté' im Kopf. Deshalb auch unsere Schreibweise mit 'C'. Als 1984 auch Frauen aufgenommen wurden, schien der Begriff 'Bruderschaft' aus der Anfangszeit nicht mehr allen passend. Wir dachten aber nicht an 'kommunitäres' Leben in dem Sinne, dass wir ständig an einem Ort beieinander wohnen. Daran haben wir nie gedacht.

KHE: Wir wollten im Glauben verbindlicher leben und das ein Stück weit gemeinsam. Wir suchten nach einer alltagstauglichen Spiritualität, die nicht nur auf den Sonntag beschränkt ist. Das bedeutete: Tägliches Gebet am Morgen und am Abend, namentliche Fürbitte für unsere Schwestern und Brüder, Treue zum sonntäglichen Gottesdienst und regelmäßiges Geldopfer für das Ansverus-Haus und die Kirche. Wir sind kein Kloster. Das wollten wir auch nie sein. Wir leben weitgehend im Hamburger Raum mit Familie, Beruf und Ortsgemeinde. Unsere geistliche Regel ist aber ebenso wichtig. So leben wir ein herausforderndes Gemeinschaftsmodell, das in unserer Kirche in Deutschland recht selten ist.

IR: Als ich in die Communität eintrat, habe ich mich nicht für eine bestimmte Zeit verpflichtet, sondern dauerhaft für mein weiteres Leben.

ANI: Sie sprechen von einer lebenslangen Verpflichtung. Mich erinnert das an die Ehe. Was versprechen Sie bei der Einsegnung?

IR: [blättert kurz nach] In unserer Regel steht: "Ich bitte um Einsegnung in die Communität. Ich folge ihrer Regel und füge mich ihrer Ordnung. Ich will die Brüder und Schwestern achten und lieben." Ich habe das immer als eine lebenslange Bindung verstanden.

KHE: Und was es wirklich heißt, die Brüder und Schwestern zu lieben, das mussten wir immer wieder neu fragen und durchbuchstabieren.

ANI: Was hat die Communität, was eine Kirchengemeinde nicht hat?

KHE: Christen brauchen eine Gemeinde, um ihren Glauben zu leben. In der Communität wollten wir Neuerungen erproben, z.B. in der Gestaltung der Gottesdienste, die wir dann in der Praxis der eigenen Kirchengemeinde umzusetzen suchten.

ANI: Wie würden Sie diese andere Art, Gottesdienst zu feiern, beschreiben?

KHE: Es geht uns um eine gottesdienstlich-liturgische Spiritualität, die den Gottesdienst als Feier des Geheimnisses Gottes versteht. Das ist für uns immer ein eucharistischer Gottesdienst – also mit Abendmahl.

ANI: Was hat die Communität noch, was die Kirche nicht hat?

IR: Die Verpflichtung zu Gottesdienst, täglicher Bibellese und Gebet, Geldopfer und natürlich das Bemühen um die Einzelbeichte. Die Communität ist durch die gegenseitige Verbindlichkeit ihrer Mitglieder ein sehr geschützter Raum im Vergleich zu einer Kirchengemeinde.

ANI: Sie sprechen von Beichte als von einer 'natürlichen' Sache. Erstaunlich. Wie kommt das?

IR: Um ehrlich zu sein, diese Praxis ist in letzter Zeit wieder etwas in den Hintergrund geraten.

KHE: Albrecht Peters, langjähriger Professor der Theologie in Heidelberg, war unser erster Senior. Er hat uns sehr geholfen auf dem Weg und uns vor allem die Einzelbeichte ans Herz gelegt. Er selbst war zugleich Mitglied der Michaelsbruderschaft und hatte die Einzelbeichte dort bereits praktizieren können. Diese Gemeinschaft kam aus der Erneuerungsbewegung der Liturgie, die mit dem Ort Berneuchen verbunden war.

ANI: Wie kam es, dass die Beichtpraxis wieder einschlief?

KHE: Albrecht Peters starb 1987 im Alter von 63 Jahren. Er war ein Beichtvater für uns alle gewesen und ließ sich so schnell nicht ersetzen. Wir mussten andere Formen finden. Es hat sich eine eher partnerschaftliche Beichtgesprächspraxis entwickelt.

ANI: Wie kam es überhaupt dahin, dass Albrecht Peters die Bruderschaft, wie sie anfangs hieß, führte?

KHE: Die Älteren unter uns haben den 2. Weltkrieg noch erlebt, waren aber nicht mehr Soldaten. Im Dritten Reich hat manche von uns der Kampf der Bekennenden Kirche gegen Hitler beeindruckt. Nach dem Krieg wollten wir dazu beitragen, die Konsequenzen aus dieser Erfahrung zu ziehen. Wir waren die Generation des Übergangs. Einen Führer suchten wir nicht, aber einen, der uns führt. Zunächst gingen wir auf den damaligen Landesjugendpastor Otto von Stockhausen zu. Der sagte uns leider ab. Dann fanden wir D. Hans Asmussen, einen der Mitverfasser der legendären Theologischen Erklärung von Barmen 1934, das wichtigste Dokument der Evangelischen Kirche gegen Hitler. Asmussen war nach dem Krieg Propst in Kiel und lud uns 1957 zu einer denkwürdigen gemeinsamen Karwoche dorthin ein.

ANI: Was hat Hans Asmussen Ihnen mitgegeben?

KHE: Asmussen hatte einen weiten theologischen Horizont. Er ermutigte uns, zusammenzubleiben und gemeinsam den Weg zu gehen. Ich erinnere noch, wie er uns in das alte Nachtgebet der Kirche, die Komplet, einführte und wie er sich ohne Scheu auch bekreuzigte. Für einen evangelischen Christen gehörte dazu damals Mut.

ANI: Asmussen wurde aber nicht der Leiter.

KHE: Er war damals schon recht kränklich, aber vor allem so weise, dass er uns empfahl, einen jüngeren Leiter zu suchen.

ANI: Wie lässt sich das Verhältnis von Communität und Evangelischer Kirche heute beschreiben?

KHE: Von Anfang an wollten wir uns keinesfalls als Sekte verstehen. Darum haben wir uns einen Visitator – also einen Begleiter – von der Kirche erbeten.

ANI: Wie wurde die Communität von der Evangelischen Kirche gesehen?

IR: Wir wurden unterschiedlich gesehen. Manchmal wurde ich gefragt, wozu wir denn überhaupt einen Visitator bräuchten. Die damalige Bischöfin Maria Jepsen sagte mir bei einem Pröpstekonvent einmal am Rande: "Bleiben Sie wie Sie sind." Das empfand ich als Bestätigung für unseren Weg. Oft wurden wir als 'traditionsbewusst' eingestuft oder auch abgestempelt, je nach dem.

KHE: Traditionsbewusst, ja. Manche in der Kirche verstehen aber bis heute nicht, was wir eigentlich tun.

ANI: Wo hat sich gezeigt, dass in der Evangelischen Kirche nicht verstanden wurde, was das Anliegen der Communität ist?

KHE: Als wir das Ansverus-Haus 1963 mit Hilfe der Kirchengemeinde Aumühle in Dienst nehmen konnten, gab es auch Kritik. Man glaubte, hier ziehe sich die Kirche zurück, weil es ja ein Einkehrhaus ist. Das war ein fatales Fehlurteil, denn auch in der Kirche geht es nicht ohne Aus- und Einatmen. Bischöfin Bärbel Wartenberg-Potter hat das verstanden und geschätzt und war von 2002 bis 2008 selbst unsere Visitatorin.

ANI: Die Ansverus-Communität ist also kein Klub liturgischer Esoteriker?

KHE: In Zeiten, in denen die soziale Tendenz in der Evangelischen Kirche besonders stark war, hat man das vielleicht so gesehen.

IR: Das sind wir aber bestimmt nicht. Wir halten uns an die liturgischen Ordnungen der Evangelisch-lutherischen Kirche und verschließen uns nicht als elitäre Gruppe.

KHE: Wir haben, das wird heute auch wieder geschätzt, eine Fahne in der Kirche hochgehalten, die anderswo eher in der Ecke verstaubte. Wir standen und stehen ein für Gebet, Meditation, Gottesdienst und Eucharistiefeier. Gottesdienst und Gebet sind die Zentren der Kirche. Das weiß man heute wieder besser als damals.

IR: Als es in den zurückliegenden Jahren darum ging, das Ansverus-Haus zu erhalten und eine Pfarrstelle dafür zu erkämpfen, mussten wir gegenüber der Kirche fest auftreten und wurden dadurch auch stärker wahrgenommen.

ANI: Wie steht oder stand die Communität zu Fragen des sozialen Engagements der Kirche?

KHE: Schwerpunkt unserer gemeinsamen Ausrichtung ist eher die Sammlung. Unsere Sendung sehen wir in der Sendung der Einzelnen in ihre Familien, Gemeinden und Berufe.

IR: In unserem gemeinsamen Haushalt gibt es jedes Jahr drei bis fünf Positionen, mit denen soziale Projekte bedacht werden, z.B. auf dem Hamburger Kiez, in Rumänien und in Israel.

ANI: Was macht die Communität heutzutage? Wo kann man die Mitglieder der Communität treffen?

IR: Man muss dazu sagen, dass die meisten von uns nun die 70 schon überschritten haben und wir viele Aktivitäten, z.B. auch inhaltliche Angebote, nicht mehr in dem Maße wahrnehmen können wie früher.

KHE: Trotzdem haben wir ein gut gefülltes Jahresprogramm mit monatlichen Konventen, Einkehrtagen und Vorträgen, den s.g. 'Sonntagsgesprächen'. Ein Vertreter der Communität arbeitet im 'Verein Ansverus-Haus e.V.' mit und einer im Vorstand der 'Stiftung Ansverus-Haus'. Drei- bis viermal im Jahr gibt es einen Arbeitseinsatz im Haus, 'Ora et labora'. Wir unterstützen die Arbeit der Spiritualin, soweit uns das möglich ist.

IR: Durch die Arbeit der Spiritualin Kirstin Faupel-Drevs sind wir bekannter geworden. Der Kreis der Besucher des Hauses hat sich in den letzten Jahren sehr erweitert.

ANI: Wann und wo kann man die Communität treffen, wenn man will?

IR: Am Montag zum Abendgebet um 18:00 Uhr und am Donnerstagmorgen um 8:00 Uhr zur Eucharistiefeier in der Krypta.

ANI: Was verbindet die Mitglieder der Communität miteinander?

KHE: Uns verbindet eine reiche gemeinsame Geschichte, für die wir sehr dankbar sind. Unsere Gemeinschaft wird in Gottesdiensten und Einkehrtagen immer wieder erneuert. Auch der von mir komponierte Ansverus-Psalter führt uns zusammen. Er ist ein hilfreiches Zeichen einer unaustauschbaren Identität. Wir verstehen uns in seinem Klang.

IR: Beim Montagsgebet wird jede Woche für alle Brüder und Schwestern gebetet. Und die Mitglieder, die zu Hause sind, beten dann auch mit uns, zur gleichen Zeit an anderen Orten. Am Montag wird immer aller heimgerufenen Brüder und Schwestern gedacht, auch mit ihnen fühlen wir uns verbunden.

KHE: Uns verbindet auch die Gastfreundschaft, hier im Ansverus-Haus, in unseren eigenen Häusern und in den kleinen Hauskreisen, den Fraternitäten.

ANI: Was verbindet die Mitglieder der Communität außerdem?

KHE: Es gehört zu unserer Regel, dass kein Bruder und keine Schwester allein bleiben soll. Bei der Einsegnung in die Communität wird jedem Mitglied ein Vertrauensbruder oder eine Vertrauensschwester an die Seite gestellt. In der Begegnung mit ihm oder ihr ist Raum für Gespräch, Gebet, Beichte und Begleitung. Bei den meisten von uns sind das sehr enge Bindungen; man interessiert sich füreinander, ruft sich an, betet füreinander. In einer Kirchengemeinde durchaus keine Selbstverständlichkeit.

IR: Durch das Älterwerden der Communität und den Tod mehrerer Mitglieder hat die Gegenseitigkeit in diesen Beziehungen zugenommen.

KHE: Wenn man seinen Vertrauensbruder verliert, ist es schwer, einen neuen zu finden und eine neue vertrauensvolle Beziehung aufzubauen. Oft sind ja doch aus den geistlichen Beratungen Freundschaften geworden.

IR: Da ist noch etwas, was uns stark verbindet und was wir mehr und mehr als unsere Aufgabe verstehen. Wir stehen einander bei in Zeiten schwerer Krankheit und wenn es ans Sterben geht.

ANI: Gibt es über das Montagsgebet und die Eucharistie am Donnerstag hinaus weitere Veranstaltungen der Communität?

IR: Von 39 Mitgliedern sind 28 schon über 70 und 7 davon haben schon die 80 überschritten. Unser jüngstes Mitglied ist 39 Jahre alt, das älteste 87. Das heißt, dass unsere Zeit und unsere Kraft immer begrenzter werden. Wir nehmen das sehr bewusst wahr und es gibt darum nicht mehr so vieles wie früher, was wir veranstalten.
'Tage der Freunde' und 'Ostertage' z.B. sind mehr und mehr Angebote des Hauses geworden.

KHE: Was nach wie vor stattfindet, sind aber unsere monatlichen Konvente, das sind Tage, an denen möglichst viele unserer Mitglieder und Freunde zusammenkommen, sich mit einem Thema beschäftigen, gemeinsam essen und die Tageszeitengebete beten. Zweimal im Jahr gibt es für die Mitglieder der Communität auch so genannte 'Ausgesonderte Tage'. Das sind Zeiten, in denen wir in einer Art 'klösterlicher Gemeinschaft' hier zusammenleben und in denen auch Phasen des Schweigens vorgesehen sind.

ANI: Gelingt den Mitgliedern der Communität das Schweigen immer?

IR: Manche mögen dieses Schweigen, andere nicht so. Für manche von uns ist das Leben ohnehin schon sehr still geworden. Wenn man z.B. allein lebt oder nicht mehr viel unter Menschen ist, dann fällt es schwer, in der Gemeinschaft der Brüder und Schwestern zu schweigen. Deshalb gibt es nicht mehr so lange Schweigezeiten wie früher.

ANI: Gibt es ein Thema, das die Communität im Moment stark bewegt?

IR: Für uns selbst können wir uns im Moment die Überschrift 'Loslassen lernen' geben. Wir lassen das Ansverus-Haus los, aber wir verlassen es nicht. Wir stehen weiter im Gebet ein für das, was jetzt in diesem Haus geschieht.

KHE: Die Spiritualin Kirstin Faupel-Drevs entwickelt eigene Schwerpunkte und Angebote, aber eben aufbauend auf dem, was schon da ist. Mit ihr haben wir die Verantwortung für das Haus geteilt. Wir sind viel im Gespräch miteinander.

ANI: Bitte vervollständigen Sie diesen Satz: "Die Communität in sieben Jahren…"

KHE: …wird, so Gott will, das Gotteslob noch feiern und sich gegenseitig helfen auf dem Weg.

ANI: Bitte vervollständigen Sie diesen Satz: "Das Ansverus-Haus in sieben Jahren…"

KHE: … wird hoffentlich noch eine geistliche Heimat für viele sein, die ihren Glauben stärken oder neu finden wollen.

ANI: Wonach möchten Sie gerne noch gefragt werden?

KHE: Die Ökumene ist uns ein großes Anliegen. Sie ist 'unten' längst weiter als 'oben'.
Wir haben viele Kontakte, Verbindungen und Freundschaften zu Mitgliedern anderer Kirchen.

IR: Wir sind sehr verbunden mit den Benediktinern in Nütschau und vor allem in Meschede, mit denen wir auf Kirchentagen gemeinsame Räume der Stille gestaltet haben, so z.B. auf dem Ökumenischen Kirchentag 2003 in Berlin.

ANI: Welchen Kirchen gehören die Mitglieder der Communität an?

KHE: Die Mitglieder gehören alle zur Evangelischen Kirche, aber im Freundeskreis der Communität sind auch Reformierte und Katholiken.

ANI: Was ist vom Gründungsimpuls der Communität heute noch wichtig?

KHE: Wir feiern das Mysterium Christi. Da beginnt alles, da endet alles.

ANI: Vielen Dank für das Gespräch.